Smart-Building-Experte Erik Ubels war einer der Visionäre hinter The Edge, einem Bürogebäude in Amsterdam, das bei seiner Fertigstellung 2014 als eines der vernetztesten und nachhaltigsten der Welt galt.
Ubels war damals CIO bei Deloitte, dem Hauptmieter des Gebäudes. Die Ausstattungsmerkmale von The Edge erweiterten damals die Grenzen intelligenten Designs: eine App zur Optimierung der Park- und Schreibtischsuche, Solaranlagen zur Senkung des Stromverbrauchs sowie Sensoren zur Lichtsteuerung
Ubels, der heute im Bereich Smart Buildings berät, sprach mit dem dormakaba Blog über dieses Projekt und darüber, wie sich die Branche seither verändert hat. Seine Antworten wurden hinsichtlich Länge und Klarheit bearbeitet.
dormakaba: Welche Rolle hatten Sie bei der Entwicklung von The Edge, und welche Vision verfolgten Sie dabei?
Ubels: Deloitte wollte in Amsterdam ein neues Gebäude entwickeln und bat mich, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Unternehmen wie Deloitte sind sich des Kampfs um Talente in der Regel sehr bewusst. Wir wollten nicht einfach ein gewöhnliches Büro bauen, sondern ein Büro, das junge Menschen anzieht, bei Deloitte zu arbeiten. Wir stellten uns vor, dass das Gebäude einen sehr großen Teil unserer Identität ausmachen würde. Wir haben es in jeder Hinsicht darauf ausgerichtet, so nachhaltig wie möglich zu sein – im Rahmen dessen, was damals machbar war – und haben dabei Grenzen verschoben. Uns wurde außerdem klar, dass es nicht nur um die Nachhaltigkeit des Gebäudes geht, sondern auch darum, wie Menschen zur Arbeit aufbrechen und dort ankommen, gern arbeiten, mit Kollegen zusammenarbeiten, Kunden zu Besuch haben und mit Kunden arbeiten. Deshalb haben wir dafür gesorgt, dass es alle erdenklichen Annehmlichkeiten gibt – Kaffee in Spitzenqualität, Fitnessstudio, Restaurants, Essen, einen Laden für den täglichen Bedarf, wie er sich in gehobenen Hotels findet –, ebenso wie bei der Wahl des Arbeitsplatzes.

Mit welchen Herausforderungen waren Sie konfrontiert, als Sie The Edge von der Vision zur Fertigstellung geführt haben?
Das war ziemlich einzigartig, als wir anfingen zu überlegen, wie Menschen zum Gebäude kommen, wie sie parken, wie sie den Platz finden, wie sie Licht und Temperatur steuern würden. Uns war nicht klar, dass all die Dinge, die wir wollten, schlicht nicht existierten. Wer heute ein Zutrittssystem für ein Gebäude kauft, weiß, dass es mit NFC-Karten funktioniert. Es funktioniert auch mit dem Smartphone, wenn das gewünscht ist. Damals aber mussten wir danach fragen, und das gilt ebenso für die Kennzeichenerfassung zur Einfahrt in die Tiefgarage oder für Kaffeemaschinen, die mit dem Internet verbunden waren. Für alles, was damals vernetzt sein sollte, mussten wir eigens nachfragen. Manchmal gab es nicht einmal ein Produkt, das sich vernetzen ließ.
Es gab viel Gegenwind aus der Baubranche, von den Ingenieurbüros, den eigentlichen Installateuren und Bauunternehmen, und das hat sich leider nicht geändert. Das ist eine große Herausforderung der Branche; sie ist sehr fragmentiert. Ehrlich gesagt: Ich realisiere gerade viele Neubauten und muss immer noch Druck auf die Branche ausüben. Die wirkliche Antwort für Smart Buildings lautet, möglichst viel integrierte Technik von Anfang an einzukaufen. Drehtür, Drehkreuze, Türsysteme und so weiter werden nicht einzeln gekauft, sondern aus einer Hand – das macht das Leben hundertmal einfacher.
Wie hat sich Ihre Sicht auf Smart Buildings verändert, seit The Edge vor mehr als einem Jahrzehnt eröffnet wurde?
Die gute Nachricht ist, dass alles, was heute gekauft werden kann, über Konnektivität verfügt, sodass es per Kabel oder drahtlos mit dem Internet verbunden werden kann. Das bedeutet, dass der Zugriff auf alle Daten möglich ist, die das jeweilige System erzeugt. Meine Sicht auf Smart Buildings ist viel breiter und viel tiefer geworden als früher, und die Technologie wird immer günstiger. Heute erkläre ich meinen Kunden, dass wir ein Smart Building günstiger bauen können als ein herkömmliches Gebäude, und das gilt besonders dann, wenn integrierte Lösungen eingekauft werden.

Wie schnell verändert sich die Technologielandschaft für Gebäude? Spielt KI bereits eine Rolle?
Die Technologie selbst verändert sich nicht wirklich schnell, weil es eine sehr traditionelle Branche ist, die sich bewusst dagegen entscheidet. Die Innovation ist tatsächlich ziemlich enttäuschend. Natürlich haben sich Elektronik und die Einbettung von Elektronik verändert, aber der grundlegende Teil der Technologie hat sich nicht verändert.
Es gibt enorm viele Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Das ist gut, denn wir können dadurch die Steuerungen der Systeme im Gebäude viel besser optimieren, als Menschen es können. KI kann die Einstellungen einer Gebäudeautomation verändern und sie automatisch korrigieren. Wir können KI nutzen, um Heizung und Kühlung zu optimieren, denn die meisten Gebäude sind in diesem Bereich noch ziemlich dumm. Ich meine, wie oft betritt jemand am Montagmorgen das Büro, und im Gebäude ist es immer noch kalt? Warum? Weil jemand entschieden hat, dass die Heizung nach der Uhr läuft. Ich habe die Philosophie, dass jedes Gebäudeautomations- oder Steuerungssystem, das noch eine Uhr hat, altmodisch ist, weil es aus dem Verhalten lernen sollte.
Welche kommenden Trends oder Möglichkeiten für Smart Buildings begeistern Sie mit Blick auf die Zukunft?
Ich habe einige Gebäude in Holzbauweise realisiert. Ich glaube, das ist die Zukunft. Sie mit Gleichstrom zu betreiben, ist sehr sinnvoll, und das können wir tun. Außerdem wollen wir Gebäude schaffen – daran arbeiten wir –, die wir „funktionsfrei“ nennen. Funktionsfrei bedeutet, dass wir am ersten Tag nicht festlegen, welche Art von Gebäude es werden soll. Und beim Holzbau, der eher wie Lego ist, lässt sich das Gebäude auseinandernehmen und umnutzen, was viel einfacher ist als bei Beton. Nehmen wir an, wir entwickeln in einer Stadt ein neues Bauwerk oder Gebäude, das zunächst ein Büro sein soll. Wird dann entschieden, dass es ein Büro wird, und nach dem Konzept eines Büros geplant, kann das einschränken, es später zu einem Krankenhaus, einer Schule oder zu Wohnungen zu machen. Wir sollten uns viel stärker darauf einstellen, dass es hier in den Niederlanden und auch an vielen anderen Orten einen enormen Wohnungsmangel gibt, die Menschen aber auch älter werden. Deshalb haben wir jetzt eine enorme Nachfrage von jungen Menschen nach Wohnungen in Städten, und die können wir bedienen. Vorstellbar ist aber auch, dass wir sie in 20 oder 25 Jahren wieder loswerden wollen.





