Architektur

Die Zukunft mit den Prinzipien des universellen Designs gestalten

Silvia Lugari31.12.2025

„Erst wenn wir das Universum als Ganzes betrachten können, in dem jeder Teil die Gesamtheit widerspiegelt und in dem die große Schönheit in seiner Vielfalt liegt, werden wir beginnen zu verstehen, wer wir sind und wo wir stehen.“

Dieser Satz des italienischen Journalisten, Schriftstellers und Reisenden Tiziano Terzani bringt die Bedeutung einer universellen Denkweise für die Gestaltung der Zukunft perfekt zum Ausdruck. Dieser Gedanke ist besonders in der Architektur von Bedeutung, die – ihrem Wesen nach – die Zukunft aller prägt.

In einer sich rasant verändernden Welt, in der die Bevölkerung altert, Mobilität immer vielfältigere Formen annimmt und das kulturelle Bewusstsein für Inklusion stetig wächst, können Architektur und Design sich nicht länger darauf beschränken, lediglich die gesetzlichen Mindestanforderungen zu erfüllen.

Universelles Design ist ein zukunftsweisender Ansatz, der den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, unabhängig von körperlichen, sensorischen, kognitiven, persönlichen oder geschlechtsspezifischen Gegebenheiten. Es handelt sich nicht um einen vorübergehenden Trend, sondern um eine echte Verantwortung.

Was ist universelles Design?

Das Konzept wurde in den 1980er Jahren von dem amerikanischen Architekten Ronald L. Mace entwickelt, der es als das Prinzip definierte, Umgebungen und Produkte zu entwerfen, die von möglichst vielen Menschen genutzt werden können – ohne dass spätere Anpassungen erforderlich sind.

Universelles Design geht über die bloße Beseitigung architektonischer Barrieren hinaus: Es erweitert die Perspektive um die Klarheit von Informationen, die Benutzerfreundlichkeit, die Sicherheit von Wegen, die Wahrnehmbarkeit von Sinnesreizen und die Würde jedes Einzelnen, der mit einem Raum interagiert.

Wie aktuelle Studien und Forschungsergebnisse zeigen, bedeutet die Anwendung dieses Ansatzes, über die bloße Einhaltung von Vorschriften hinauszugehen und Barrierefreiheit in einen kulturellen Wert zu verwandeln, der den Alltag für alle bereichert.

Warum universelles Design heute unerlässlich ist

Zukunft gestalten InPost 2

Es gibt viele Gründe, warum die Anwendung der Prinzipien des Universellen Designs dringlich geworden ist. Der erste Grund betrifft den demografischen Wandel: Eine alternde Bevölkerung bringt neue Herausforderungen mit sich – wie beispielsweise eingeschränkte Mobilität oder Seh- und Hörbeeinträchtigungen –, die bereits in den frühesten Planungsphasen berücksichtigt werden müssen.

Es geht jedoch nicht nur um ältere Menschen. Behinderungen können vorübergehend, dauerhaft oder unsichtbar sein und kognitive, sensorische oder emotionale Beeinträchtigungen umfassen. Barrierefreie Räume zu gestalten bedeutet daher, Autonomie, Teilhabe und Sicherheit für ein breites Publikum zu gewährleisten.

Darüber hinaus kommen die Vorteile weit über Menschen mit besonderen Bedürfnissen hinaus: Inklusive Lösungen schaffen mehr Komfort und Bequemlichkeit für alle. Eine automatische Tür ist beispielsweise für Rollstuhlfahrer unerlässlich, aber ebenso hilfreich für alle, die Gepäck tragen oder einen Kinderwagen schieben.

Die sieben Prinzipien für inklusives Design

Universelles Design basiert auf sieben international anerkannten Prinzipien, die Designern konkrete Leitlinien bieten:

  • Die gerechte Nutzung gewährleistet, dass ein Raum oder ein Objekt für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nutzbar ist, ohne dass Unterschiede gemacht werden oder separate Wege benötigt werden.

  • Die Flexibilität in der Anwendung ermöglicht es, dass sich Umgebungen und Produkte an unterschiedliche Nutzungsstile, Vorlieben und Nutzungsgeschwindigkeiten anpassen – und gleichzeitig eine größere Nachhaltigkeit fördern.

  • Einfachheit und Intuitivität sorgen dafür, dass eine Umgebung oder ein Gerät leicht verständlich ist, unabhängig von der Erfahrung oder dem Wissen des Benutzers.

  • Die Wahrnehmbarkeit von Informationen gewährleistet, dass Botschaften jeden erreichen, und zwar durch visuelle, auditive oder taktile Signale.

  • Fehlertoleranz minimiert Risiken und hilft, Unfälle zu vermeiden.

  • Geringerer körperlicher Aufwand reduziert die Belastung und macht die tägliche Interaktion mit Räumen und Werkzeugen angenehmer.

  • Ausreichende Größe und genügend Platz gewährleisten Bewegungsfreiheit und komfortables Anhalten, unabhängig vom verwendeten Fahrzeug oder Hilfsmittel – und verhindern gleichzeitig eine überdimensionierte, verschwenderische Konstruktion im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit.

Konkrete Anwendungen im Alltag

Zukunft gestalten InPost 4

Die Umsetzung dieser Prinzipien in die Praxis bedeutet, Gebäude und Infrastrukturen zu entwerfen, die wirklich alle Menschen ansprechen. Ein barrierefreier Eingang beschränkt sich beispielsweise nicht auf das Hinzufügen einer Rampe neben der Treppe – er wird zu einem fließenden, hindernisfreien Durchgang,bei dem sich die Tür automatisch öffnet und der Korridor breit, gut beleuchtet und sicher ist.

Zutrittskontrollsysteme müssen intuitiv sein,mit leicht erreichbaren Bedienelementen, klaren visuellen und akustischen Signalen, benutzerfreundlichen Schnittstellen und vielfältigen Zutrittsmodi – von Ausweislesern über Tastaturen bis hin zu mobilen Anwendungen.

Auch Elemente wie Licht und Akustik spielen eine wichtige Rolle bei der Schaffung inklusiver Räume: Eine gleichmäßige Beleuchtung ohne Schattenzonen verbessert die Orientierung, während ein effektives Schallmanagement dafür sorgt, dass Sprachnachrichten klar und ohne Störungen durch Hintergrundgeräusche wahrgenommen werden.

Selbst alltägliche Einrichtungsgegenstände und Dienstleistungen,wie zum Beispiel Toiletten, können die Prinzipien des universellen Designs verkörpern, wenn sie mit geeigneten Griffen, ausreichend Bewegungsfreiheit und in angemessener Höhe angebrachten Spiegeln ausgestattet sind.

Geschichte und Entwicklung des Universellen Designs

Das erste Gebäude, das vollständig nach den Prinzipien des Universellen Designs entworfen wurde, ist oft das Center for Universal Design an der North Carolina State University, das 1989 von Ronald L. Mace selbst gegründet wurde. Dort wurden die von ihm und seinem Team definierten Prinzipien systematisch getestet – darunter barrierefreie Wege, gut lesbare Beschilderung, großzügige Raumaufteilungen und Lösungen, die ohne Anpassungen nutzbar sind.

Kurz darauf, in den 1990er Jahren, entstanden in den Vereinigten Staaten mehrere Projekte, die diese sieben Prinzipien explizit umsetzten. Von dort aus verbreitete sich der Ansatz international, insbesondere im Bereich öffentlicher Gebäude. Eines der bekanntesten Beispiele dieser Bewegung ist der Ed Roberts Campus in Berkeley, entworfen von LMS Architects.

Die zeitgenössische Weiterentwicklung dieses Ansatzes spiegelt sich im Design von Smart Cities wider, wo Universal Design mit Nachhaltigkeit verschmilzt und durch neue digitale Technologien unterstützt wird.

Warum sich universelles Design nur schwer durchsetzt

Zukunft gestalten InPost 6

Trotz zahlreicher positiver Beispiele ist die systematische Anwendung des Universellen Designs noch lange nicht gegeben. Es wird oft als unnötige Zusatzkosten oder als eine Anforderung wahrgenommen, die nur einer Minderheit zugutekommt – dabei verbessert es die Raumqualität für alle und reduziert zukünftige Anpassungskosten.

Ein minimalistischer Regulierungsansatz, der sich ausschließlich auf die Beseitigung architektonischer Barrieren konzentriert, und mangelndes kulturelles Bewusstsein tragen ebenfalls zu dem Problem bei. Barrierefreiheit wird allzu oft ausschließlich mit motorischen Einschränkungen gleichgesetzt, wodurch ein breites Spektrum realer Bedürfnisse – darunter solche im Zusammenhang mit Alter, Sinneswahrnehmung oder vorübergehenden Erkrankungen – außer Acht gelassen wird.

Hinzu kommen Lücken in der beruflichen Ausbildung, Bedenken hinsichtlich des Verlusts von Ästhetik oder Kreativität sowie Widerstand im Immobilienmarkt gegen die Veränderung etablierter Modelle. Um diese Hindernisse zu überwinden, ist ein Perspektivwechsel erforderlich: Universelles Design ist keine optionale Funktion, sondern ein wesentlicher Bestandteil guten Designs.

Einige Länder gehen bereits konkrete Schritte in diese Richtung. Norwegen beispielsweise schreibt mit seinem Antidiskriminierungs- und Zugänglichkeitsgesetz von 2008 Barrierefreiheit und Inklusion in allen Neubauten und öffentlichen Infrastrukturprojekten vor. Australien hat seinerseits einen nationalen Rahmen eingeführt – die australische Strategie für Menschen mit Behinderungen 2021–2031 — in dem ausdrücklich auf die Prinzipien des Universellen Designs als Grundlage für zukünftige Richtlinien verwiesen wird.

Jenseits von Barrieren und Standards: Auf dem Weg zu qualitativ hochwertigen Räumen

Zukunft gestalten InPost 7

Die Zukunft nach den Prinzipien des Universellen Designs zu gestalten bedeutet, über die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften hinauszublicken und eine Vision zu verfolgen, die den Menschen wirklich in den Mittelpunkt stellt. Es bedeutet, nicht nur physische und kulturelle Barrieren zu überwinden, sondern auch das Wohlbefinden und die Würde aller zu fördern.

Räume, die nach diesem Ansatz konzipiert werden, benötigen keine besonderen Anpassungen – sie sind von vornherein für alle zugänglich und werden so zu Orten gemeinsamer Lebensqualität. Es ist eine anspruchsvolle Herausforderung, die Expertise, Zusammenarbeit und Weitsicht erfordert. Gleichzeitig bietet sie aber auch eine einzigartige Chance, Architektur und Design zu echten Instrumenten der Inklusion zu machen.

Nur so können wir künftigen Generationen ein bauliches Erbe hinterlassen, das nicht nur schön und funktional, sondern auch gerecht und menschlich ist.

dormakaba Redaktionsteam

Silvia Lugari

Silvia Lugari

Silvia Lugari gestaltet Orte und plant Veranstaltungen für die regenerierten Räume der Manifattura Tabacchi in Florenz. Nach ihrem Abschluss mit einem Master-Abschluss in Architektur an der Universität Florenz organisierte sie über zehn Jahre lang kulturelle Veranstaltungen und Reisen für Architekten und arbeitete mit den Zeitschriften 'Casabella' und 'The Plan' zusammen.

Zur Autorenseite von Silvia Lugari gehenMehr erfahren

Verwandte Artikel