Architektur

Wegbereiterinnen der Architektur: Renée Gailhoustet (1929 - 2023)

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Im Jahr 2022 wurde bei den Royal Academy Architecture Awards eine 92-jährige französische Architektin ausgezeichnet, die mit sage und schreibe 2.000 in ihrer Karriere fertiggestellten Gebäuden das Gesicht der Pariser Vororte völlig neu gestaltet hat, international aber weitgehend unbekannt war: Renée Gailhoustet .

Bei der Bekanntgabe von Gailhoustet als Gewinnerin dieser prestigeträchtigen Auszeichnung lobte Farshid Moussavi, Vorsitzender der Jury, ihre produktive und wirkungsvolle Karriere: „Renée Gailhoustets Leistungen reichen weit über das hinaus, was heute irgendwo als Sozialwohnungen oder bezahlbarer Wohnraum produziert wird. Ihre Arbeit zeichnet sich durch ein starkes soziales Engagement aus, das Großzügigkeit, Schönheit, Ökologie und Inklusion vereint.“

Philosophie, Form und Funktion: Frühes Leben, Stil und Einflüsse

Renée Gailhoustet InPost

(Bild © Guilhem Vellut licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

Renée Gailhoustets Weg zur Architektur war ungewöhnlich. Geboren 1929 in Oran, Algerien, begann ihre akademische Laufbahn mit einem Philosophiestudium. Diese frühe Auseinandersetzung mit kritischem Denken und grundlegenden Fragen prägte ihren späteren Gestaltungsansatz.

Dennoch führte sie ihre Liebe zu Form und Funktion schließlich an die École Nationale des Beaux-Arts de Paris, wo sie 1961 ihren Abschluss machte – in einen Arbeitsmarkt, auf dem es nur sehr wenige Architektinnen gab. Die Designwelt wies Frauen oft eine Nebenrolle zu und schmälerte ihre Beiträge, indem sie sie als „Architekten-Begleiterinnen“ ihrer männlichen Kollegen bezeichnete. Obwohl Gailhoustet gewissermaßen unsichtbar blieb, waren ihre Visionen und Projekte alles andere als unbemerkt.

Gailhoustets Architekturstil entzog sich einer einfachen Kategorisierung. Obwohl ihre frühen Werke mit ihrem Sichtbeton und ihren geometrischen Formen die Merkmale des Brutalismus aufwiesen, begnügte sie sich nicht damit, einfach nur Trends zu folgen.

Ihre wahre Leidenschaft galt der Gestaltung von Räumen mit sozialem Nutzen. Funktionalität und Wohnqualität für die Bewohner standen für sie an erster Stelle. Dies zeigte sich in ihrer Ablehnung von uniformen Wohnblöcken zugunsten von terrassenförmigen Gebäuden, die ein Gemeinschaftsgefühl förderten und eine Verbindung zur Natur ermöglichten.

Bemerkenswerte Werke: Ein Leben im Zeichen der Gestaltung der Pariser Vororte

Schon zu Beginn ihrer Architektenlaufbahn entdeckte Renée Gailhoustet ihre Berufung im oft geschmähten Pariser Sozialwohnungsbau. Während ihre Zeitgenossen monotone Hochhäuser errichteten, entwarf Gailhoustet eine andere Vision und setzte sich ihr ganzes Berufsleben lang für bessere Lebensbedingungen in den Pariser Vororten ein.

Ihr Werk im Stadtteil Ivry-sur-Seine ist ein Paradebeispiel dafür. Hier entwarf sie in Zusammenarbeit mit dem Architekten Jean Renaudie einen Komplex, der mit dem typischen Hochhausmodell brach. Stattdessen förderten terrassenförmig angelegte Gebäude mit offenen Flächen das Gemeinschaftsgefühl und boten den Bewohnern eine wichtige Verbindung zur Natur.

Das Stadtzentrum von Ivry-sur-Seine mit den Hochhäusern Raspail, Lénine, Jeanne Hachette und Casanova sowie dem Spinoza-Komplex und den Reihenhäusern Le Liégat und Marat trägt allesamt die Handschrift von Gailhoustet. Diese vielfältigen Gebäude tragen zum lebendigen und gemeinschaftsorientierten Charakter des Viertels bei.

Noch bemerkenswerter ist, dass Gailhoustet eine Pionierin im Bereich des nachhaltigen Bauens war. Lange bevor Gründächer zum Standard wurden, integrierte sie diese in ihre Projekte. Diese lebenden Dächer“ verschönerten nicht nur ihre Gebäude, sondern boten auch ökologische Vorteile wie Regenwassermanagement und verbesserte Wärmedämmung.

Ihr Engagement für soziale Verantwortung und nachhaltige Praktiken macht sie zu einer wahren Vorreiterin der modernen Bewegung hin zu sozialbewusster und ökologisch verantwortungsvoller Architektur.

"Merci Renée": Ein fortwährendes Vermächtnis sozialbewussten Designs

Gailhoustets Stil war eine einzigartige Mischung aus sozialem Gewissen, menschenzentriertem Design und dem Bekenntnis zu nachhaltigen Praktiken.

In ihrem Buch „La Politesse des Maison“, dessen Titel sich ins Deutsche mit „Die Höflichkeit der Häuser“ übersetzen lässt, schrieb Gailhoustet: „Wohnen ist kein Produkt, wie uns Bauträger und Technokraten glauben machen wollen. Alle Bewohner können dieses Vokabular bereichern und mit den Architekten – jenen Handwerkern des schwierigen Materials: Raum – in einen Dialog treten.“

Um ihr Engagement und ihre Leidenschaft für den sozialen Wohnungsbau unter Beweis zu stellen, lebte Gailhoustet in den Projekten, an denen sie seit den 1960er Jahren gearbeitet hatte bis zu ihrem Tod im Jahr 2023 – nur wenige Monate nachdem sie den Royal Academy Architecture Award 2022 gewonnen hatte.

Gailhoustets Einfluss auf die von ihr errichteten sozialen Wohnsiedlungen war so tiefgreifend und berührend, dass sich – wie Le Monde berichtete – die Bewohner am Tag nach dem Tod mit Kerzen in den Händen unter einem Banner versammelten, mit der Aufschrift: "Merci Renée".

dormakaba Redaktionsteam

Rafael Gónzalez-Palencia

Rafael Gónzalez-Palencia

Rafael ist ein Journalist und Redaktionsexperte mit über 20 Jahren Erfahrung in Nachrichtenredaktionen und der Entwicklung digitaler Inhalte. Er ist Autor des 'Marca Style Book' (2012) und hat für Unidad Editorial, die Global Media Group und die Axel Springer Group gearbeitet, bevor er als Digital Editor zu dormakaba kam.

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