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Können vertikale Städte das Problem der urbanen Überbevölkerung lösen?

City, Urban, Cityscape

Bis zum Jahr 2050 werden circa drei Viertel der prognostizierten 10 Milliarden Menschen in Städten leben. Das entspricht etwa 7 Milliarden Stadtbewohnern, verglichen mit 4,4 Milliarden heute.

Der Großteil dieser boomenden Urbanisierung wird in aufstrebenden Volkswirtschaften wie China, Indien und Indonesien stattfinden. Obwohl diese Länder über eine riesige Landmasse verfügen, könnte es für sie jedoch schwierig werden, das Wachstum ihrer Städte im Hinblick auf die verfügbaren Bauflächen zu bewältigen.

Wenn diese drei asiatischen Giganten in den nächsten Jahrzehnten so stark verstädtert werden sollen wie die USA, müsste Schätzungen zufolge China das Äquivalent von drei USAs bauen, Indien das von fünf USAs und Indonesien das von mehr als zwei USAs – insgesamt müssten diese drei Länder zusammen also mehr als zehn USAs bauen.

Angesichts dieser akuten städtebaulichen Herausforderungen haben viele Planer und Zukunftsforscher begonnen, eine neue Lösung vorzuschlagen: vertikale Städte.

Was ist eine vertikale Stadt?

Eine vertikale Stadt ist ein kompletter menschlicher Lebensraum, der sich in einem sehr hohen Gebäude oder einem zusammenhängenden Netzwerk aus sehr hohen Gebäuden befindet; sie darf also nicht einfach mit einem verdichteten städtischen Zentrum mit vielen Wolkenkratzern verwechselt werden.

Der Kerngedanke einer vertikalen Stadt, mit der man Ressourcen spart und alles in unmittelbarer Nähe vorfindet, ist nicht neu: Bereits vor über 2.000 Jahren gab es in Karthago, das im heutigen Tunesien liegt, ein dicht besiedeltes Zentrum mit bis zu sechsstöckigen Gebäuden. Dank fortschrittlicher Bautechniken wurden die Gebäude immer höher.

Doch erst ein modernes Gebäude wie der Burj Khalifa in Dubai, der mit seinen 160 Stockwerken 100.000 Menschen beherbergen kann, weckte in den Visionären die Erkenntnis über die Möglichkeiten und Chancen. China, das Land mit den meisten Wolkenkratzern der Welt, hat diese Entwicklung bis 2022 verfolgt.

Vorteile und Herausforderungen einer vertikalen Stadt

Da sie mit Hilfe modernster Bautechniken errichtet werden müssen, gehören ultrahohe Gebäude zu den nachhaltigsten städtebaulichen Lösungen. Sie leisten einen positiven Beitrag zum Umweltschutz, indem sie den Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen verhindern und gleichzeitig die Luftverschmutzung, den Energiebedarf, die Pendlerdistanzen und die Abhängigkeit vom Straßennetz verringern.

Zwar mag eine vertikale Stadt postapokalyptische und düstere Bilder von völliger Isolation und Abgeschiedenheit hervorrufen, doch mit den richtigen Konstruktionsmerkmalen kann man das Gegenteil erreichen. Die Strukturen vertikaler Städte können auch “vertikale Wälder” mit Zehntausenden von Bäumen, atemberaubende Himmelsgärten und Brücken, begrünte Dächer sowie ein klares Bekenntnis zum öffentlichen Raum umfassen.

Andererseits erfordert der Bau der visionären vertikalen Stadt in geeigneter und nachhaltiger Form außerordentlich hohe finanzielle Mittel und Ressourcen und ist daher nicht leicht zu realisieren.

Manchmal wird auch argumentiert, dass vertikale Städte das Risiko der Isolation und psychischer Erkrankungen erhöhen und möglichenfalls zur schnelleren Ausbreitung von Krankheiten beitragen könnten. Starker Wind in extremer Höhe kann bekanntermaßen auch die Reisekrankheit auslösen.

Fazit

Es ist kein Zufall, dass jeder Science-Fiction-Film, von Metropolis über Blade Runner bis hin zu Star Wars, die dicht besiedelte, mehrstöckige Stadt der Zukunft vor Augen hat. Der Grund dafür ist, dass es absolut Sinn macht.”.

Antony Wood, Präsident des Council of Tall Buildings and Urban Habitat, gegenüber The Guardian.

Keine Lösung wird die größten Herausforderungen der Welt wie den Klimawandel, den Urbanisierungsboom oder die Ressourcenverteilung im Alleingang bewältigen – und vertikale Städte bilden da keine Ausnahme.

In vielen Ländern mit Wirtschaftswachstum und gleichzeitig geringer Bevölkerungsdichte, wie beispielsweise Australien, der Mongolei oder Botswana, werden vertikale Städte voraussichtlich nie erforderlich sein.

Angesichts der Dringlichkeit und des Ausmaßes unserer globalen Probleme werden vertikale Städte jedoch wahrscheinlich zum Ökosystem diverser Lösungen gehören.

Patrick Lehn

Patrick Lehn

Patrick ist Senior Manager für externe Kommunikation und Pressesprecher der dormakaba Gruppe. Er leitet alle Thought-Leadership-Aktivitäten auf globaler Ebene.