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Adaptive Wiederverwendung: Wegbereiter für eine nachhaltigere Bauwirtschaft

Adaptive Wiederverwendung

Die sogenannte „adaptive Wiederverwendung“ nimmt in einem beispiellosen Ausmaß zu. Experten schätzen, dass sich innerhalb des kommenden Jahrzehnts neunzig Prozent der Immobilienentwicklung durch Umnutzung bestehender Gebäude statt durch Neubau vollziehen werden.

Im Wesentlichen ist die adaptive Wiederverwendung damit ein Prozess, der ein stillgelegtes oder unwirksames Element in ein neues verwandelt, das für einen anderen Zweck verwendet werden kann. Bei Anwendung im baulichen Umfeld bedeutet dies, das verfallene oder nicht mehr genutzte Strukturen übernommen und mit neuem Leben gefüllt werden. So können beispielsweise die architektonischen Merkmale eines Altbaus bei der Umwandlung in ein anderes Gebäude erhalten bleiben, während ein verlassener Straßenabschnitt derart umstrukturiert wird, dass er neue soziale Funktionen übernimmt.

Mit adaptiver Wiederverwendung sind die Möglichkeiten endlos. Hier einige der größten Vorteile, zusammen mit Beispielen, wie bestehende Strukturen mit neuem Leben gefüllt wurden.

Neubauten können sich negativ auf die Umwelt auswirken: So kann der Bau eines Wohnhauses mit zwei Schlafzimmern bis zu achtzig Tonnen Kohlendioxidausstoß verursachen, während der Zeitraum zur Überwindung der klimaschädlichen Auswirkungen dieses Bauprozesses in etwa zwischen zehn bis achtzig Jahren liegen soll.

Förderung der Nachhaltigkeit

Der Abriß von Altbauten, um Platz für Neues zu schaffen, verursacht viel Bauabfall. Laut Bundesumweltamt setzte im Jahr 2013 der Bausektor 534 Millionen Tonnen an mineralischen Baurohstoffen ein. Laut Monitoring-Bericht der „Initiative Kreislaufwirtschaft Bau“ nehmen dabei die Bauabfälle seit 2010 kontinuerlich zu.

Die adaptive Wiederverwendung kann dazu beitragen, diese Tendenz abzumildern und eine nachhaltigere Bauweise zu fördern. So hat das dänische Architekturbüro Lendager im Rahmen des Projekts Resource Rows Wände von verlassenen Wohnungen als Fassadenelemente für Wohneinheiten wiederverwendet. Das Unternehmen bezog landesweit auch Ziegel aus alten Schulen und Industriegebäuden sowie aus den historischen Brauereien von Carlsberg.

Das Living Lab am Fraunhofer Center for Sustainable Energy Systems ist ein weiteres Beispiel für adaptive Wiederverwendung und Nachhaltigkeit in der Praxis. Das Labor befindet sich in einem 100 Jahre alten Gebäude in Boston und ist mit energiesparenden Funktionen, darunter einem Gebäudemanagementsystem zur Überwachung des Energieverbrauchs sowie Sonnenschutzglas, nachgerüstet.

Kulturerbe erhalten

Die adaptive Wiederverwendung kann auch den Weg zur Erhaltung des architektonischen und kulturellen Erbes weisen. Die Umwandlung historischer Stätten in zeitgemäße Strukturen – statt Restaurierung der alten Pracht – ermöglicht es, Erbe zu erhalten, indem es einen neuen Zweck erfüllt.

In Hongkong beispielsweise entstand durch Maßnahmen im Rahmen der adaptiven Wiederverwendung das Kulturzentrum Tai Kwun. Ehemals Polizeistation, Magistratsamt und Gefängnisgelände, beherbergt dieser riesige Kunstkomplex heute ein Museum, Ausstellungsräume und Restaurants wo sich früher Gefängniswaschküche und Gefängnishof befanden.

Neuer Schwung für die Gemeinschaft

Eines der beliebtesten adaptiven Wiederverwendungsprojekte ist die High Line von New York City, ein linearer Park, der als Fußgängerzone dient. Die frühere, stillgelegte Güterzugtrasse verfügt heute über gartengesäumte Laufstege, Aussichtspunkte und Sonnendecks sowie öffentliche Räume, um Kunst und neue Produktionen zu präsentieren und damit die umliegenden Gemeinden zu revitalisieren.

Nach dem Erfolg der High Line haben andere Städte auf der ganzen Welt ähnliche Projekte gestartet. In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul wurde eine zum Abriss anstehende Autobahnüberführung in Seoullo 7017 verwandelt, einen üppigen, kilometerlangen öffentlichen Park, der quasi über der Stadt schwebt. The Bentway ist ein öffentlicher Raum unter dem Gardiner Expressway in Toronto, Kanada, der neben Fußgänger- und Radwegen einen Skatepark, Spielplätze und andere Freizeiteinrichtungen bietet.

Gesellschaftlichen Wandel vorantreiben

Einkaufszentren und Einzelhandelsketten in den USA haben durch Zunahme des Online-Shoppings einen Rückgang erfahren. Viele dieser Läden sind geschlossen und stehen leer, aber es gibt diejenigen, die dies als Chance betrachten, um die wachsende Wohnungsnot einzudämmen.

Als ein Obdachlosenheim eines Tages ohne Dach über dem Kopf dastand, wandte es sich an ein geschlossenes Einkaufszentrum. Das Obdachlosenheim „Carpenter’s Shelter“ in Virginia/USA kann dadurch nun vorübergehend ein ehemaliges Kaufhaus in einem Einkaufszentrum als sein neues Zuhause benennen. Dieses beherbergt unter anderem einen Gemeinschaftsbereich für geselliges Beisammensein und zur Einnahme von Mahlzeiten, einen Aufenthaltsraum sowie Schlafzimmer für die Bewohner.

Auch das Architekturbüro KTGY präsentierte ein solches Projekt: Re-Habit nennt sich der Plan zur Umwandlung großer Warenhäuser in Übergangswohnungen. Der Entwurf sieht die Umwandlung eines 86.000 Quadratmeter großen Geschäfts in eine Wohngemeinschaft mit einem gemeinsamen Speisesaal, einem Dachgarten und einer Reihe von Unterkünften vor, darunter Schlafgelegenheiten und halbprivate Einheiten. Re-Habit ist nicht nur für das Wohnen gedacht, sondern bietet auch Unterstützung und Hilfe für Menschen ohne eigenes Zuhause, damit diese ihre Unabhängigkeit zurückgewinnen können.

Adaptive Wiederverwendung hat das Potenzial, Städte und Gemeinden neu zu beleben. Darüber hinaus ist sie aber auch geeignet, die Bauwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

dormakaba Redaktionsteam

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